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Sozialisationstheoretische Analyse Summerhills im Vergleich zu konventionellem Unterricht

anhand von
von Berger & Luckmann in ihrem Buch
“Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit”
verwendeter
Kategorien

von Daniel Sanin
(Seminararbeit Wien, 12. 3. 1999)

 

Vorwort

Zu Neill’s Buch “Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung” ist zu sagen, daß es erzählend gestaltet ist. Es ist kein wissenschaftlicher Bericht und auch keine systematische Datensammlung. Es ist der Rückblick auf Jahrzehnte von Erfahrungen mit Kindern, die sich in der freien Umgebung dieses Mannes entfalten durften. Von der Herangehensweise meinerseits stellte diese Erzählform ausgehend von bestimmten Kriterien ein gewisses methodologisches Problem dar, da ich nicht auf Theorien zurückgreifen konnte, die Neill entwickelt hatte, sondern nur auf seine Beobachtungen. Das mag bestimmte WissenschaftlerInnen abschrecken, aber ich gebe zu bedenken, daß wir es hier mit einem Mann zu tun haben, der auf sein Lebenswerk und somit auf eine unglaubliche Fülle von Beobachtungen zurückblicken kann. Die Frage, die sich nun stellt, ist die, ob man das gelten läßt, oder sein Werk in den Außenraum der Unwissenschaftlichkeit verbannt (wie es ihm bis heute wiederfahren ist). Ich stelle mich hiergegen, da in den Wissenschaften ja die Objektivität selbst lediglich als Idealbild existiert (wie auch schon —und nicht nur— aus dem zweiten in dieser Arbeit hauptsächlich behandelten Buch “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” von Berger & Luckmann deutlich erkennbar geworden sein müsste) und wenn schon in ihrer Relativität einbezogen werden muß oder so zumindest als Abwehrargument gegen sogenannte ‘unobjektive’ Wissenschaft keine Gültigkeit mehr besitzt. Die sich nun bei vielen wahrscheinlich regende Befürchtung, dann sei ja qualitativ minderwertigen Arbeiten Tür und Tor geöffnet, ist wohl berechtigt, aber nicht von dieser Argumentation beabsichtigt. Die Qualität ist eine subjektive Angelegenheit der WissenschaftlerInnen (jede/r hat ihren/seinen Ansprüchen zu genügen) und die Reaktionen auf ihre Forschungen werden sie belohnen oder nicht. Es handelt sich aber bei der ablehnenden Haltung der etablierten Wissenschaft (besonders in der Psychologie und besonders bei uns in Wien) gegenüber kritischer Strömungen um ein Außerachtlassen von einsehbaren und stichhaltigen Argumenten, was genau genommen unwissenschaftlich ist.

Ich plädiere konsequent nach der ausgebreiteten Argumentation somit für die Akzeptanz der narrativen Hinterlassenschaft Neill’s als zulässige Quelle und ebensolches Material. Das einzige (durch Mühe lösbare Problem) liegt in seiner Ungeordnetheit.

Einleitung

Ich versuche in diesen hier ausgeführten Überlegungen, unsere normale allgemeine Schulsozialisation mit jener der SchülerInnen Summerhills zu vergleichen, um Unterschiede in der Art des Umgangs mit Kindern herauszuarbeiten und auch weitreichendere Konsequenzen für die Erwachsenenwelt aufzuzeigen.

Summerhill ist der Name einer Internatsschule, die von A.S. Neill (und nicht O'Neill, wie es sogar in universitären Pädagogikskripten oft fälschlicherweise steht) 1921 gegründet wurde. Neill ist ebenfalls Begründer der berühmt-berüchtigten antiautoritären Erziehung, die in der breiten Vorstellung unter Erziehung der Zügellosigkeit oder in der Entwicklungspsychologie unter 'laisser faire'-Stil gehandelt wird. Das ist schlichtweg falsch und wohl auf den mißbräuchlichen Umgang mit Neill's Konzepten in den 60er und 70er Jahren zurückzuführen. Ein weiteres Handicap stellt die Tatsache dar, daß es sich bei Neill um keinen Wissenschaftler handelt und er wohl auch aus diesem Grund in Pädagogik und Psychologie vernachlässigt wird. Dabei kann es sich aber nach meiner Einschätzung nur um eine Ursache in Alibifunktion handeln, da es ja andere wichtige PädagogInnen und EntwicklungspsychologInnen gegeben hat, die auch nicht systematisch in ihrer Arbeit vorgingen (man denke nur an Rousseau). Den wirklichen Grund vermute ich in der Revolutionarität von Neill's Aussagen und Theorien, die auf viele tradierte Annahme-(provokant: Glaubens-)systeme bedrohlich wirkt und daher abgewehrt werden muß.

Da wir ja in einem Land leben, in dem Schulpflicht herrscht und in dem man also bei Weigerung, sein Kind in eine Schule zu schicken mit unangenehmen Folgen zu rechnen hat (auch von sozialer Seite her, wie z.B Ausgrenzung, sozialer Druck, Isolation u.ä.) haben wir alle zwangsläufig unsere Schulkarriere hinter uns. Da der Mensch ein wissensdurstiges Wesen ist, das sich seine Umwelt durch aktives Auseinandersetzen und Lernen aneignet und gleichzeitig auch starke sozial-emotionale Bedürfnisse hat [1] die er versucht zu befriedigen, scheint es mir wichtig, diese zweite Komponente, die in der bisherigen Forschung eher vernachlässigt wurde, in ihrer Relevanz zu betonen. Ich meine damit, daß die emotionale Wichtigkeit der Lehrerinnen und der Schule für die Psyche des Kindes als Forschungsgegenstand vernachlässigt wurde und wird. Wenn ich mich selbst zurückerinnere an meine Kindheit und Schulzeit, kann ich in bezug auf einzelne LehrerInnen noch durchaus —meist negative— starke Gefühle verspüren. Ich denke, daß es jedem von uns —in unterschiedlichem Ausmaß, natürlich— so geht. Sollte es uns nicht zu denken geben, daß es kaum Kinder gibt, die gerne in die Schule gehen? Beinahe jedes Kind freut sich am Anfang darauf — schon nach ein paar Wochen ist davon oft nichts mehr zu spüren. Faulheit und Desinteresse sind keine Eigenschaften, die das Kind ursprünglich besitzt — sie sind Reaktionen auf Umstände. Natürliche Impulse wie Neugier, Wissensdurst, der Drang, alles verstehen zu wollen, spielerisch zu lernen etc. werden in der Schule systematisch unterdrückt.

Das in unserer Gesellschaft unumgängliche individuelle Quantum an Frustrationen, sei es in der Phase des Heranwachsens wie auch im erwerbstätigen Erwachsenenleben, muß doch irgendwelche Folgen auf unser Handeln und unser Erleben haben und eben solche Bereiche unserer Existenz will ich hier aufzeigen und diskutieren.

Die Wissenschaft versteckt sich meistens hinter dem Schlagwort der Objektivität. Was aber konnektieren wir damit? Wohl: allgemeine Gültigkeit, Wahrheit, Wirklichkeit. Diese Wahrheit wird aber von Subjekten gemacht, aus ihrer eigenen Subjektivität heraus. Woher nehmen sie dann diese Objektivität? Berger & Luckmann (1980) zeigen sehr klar die Relativität der jeweiligen Gesellschaftsform und damit ihrer Legitimationssysteme auf. Das Leben in einer Gesellschaft richtet sich für die in ihr lebenden Subjekte nach zu Realität gewordenen Vorstellungen, es geschieht in einer 'symbolischen Sinnwelt' [2]. Diese Sinnwelten haben ihre eigenen 'Stützkonzeptionen' und als besonders markante heben die Autoren die Mythologie, die Theologie, die Philosophie und eben die Wissenschaft hervor. Damit relativiert sich die Objektivität der Stützwelt mit der Relativität der symbolischen Sinnwelt, die ihre Grundlage darstellt. Mir fallen auf der Stelle mindestens drei mir bekannte Wissenschaftler in meinem näheren Umfeld ein, die bei diesen Behauptungen zumindest die Nase rümpfen würden, wenn sie nicht sogar lauthals protestierten, aber seit Einstein ist ja sogar die Parade-Wissenschaftsdisziplin in puncto Objektivität, die Physik, von Relativität durchdrungen, wie sollte es dann in einem Bereich, der als Forschungsgegenstand das Erleben und Verhalten des Menschen [3] hat, anders, geschweige denn 'besser' sein? "Jede Perspektive mit all ihrem Zubehör an Theorien oder gar Weltanschauungen ist aufs Engste verknüpft mit handfesten Interessen ihrer Trägergruppe." (Berger & Luckmann, 1980) Das nur in Richtung von KritikerInnen qualitativer Forschungsansätze.

Die Analyseinstrumente, bzw. die Kategorien und Theorien für mein Vorhaben entnehme ich weitestgehend dem Werk "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" der eben zitierten Autoren.

Sozialisation in ihrer Reichweite

Zunächst soll kurz geklärt werden, was Sozialisation hier bedeutet, nämlich das Hineinwachsen von Individuen in die sie umgebende Gesellschaft. Wir kommen ja nicht schon eingeweiht (in die Regeln und Übereinkünfte des zugehörigen Systems) auf die Welt, sondern als unbeschriebenes Blatt (weitestgehend; Berger & Luckmann [1977] merken an, daß der Mensch wohl eine Disposition als gesellschaftliches Wesen mitbringe bzw. eine für Gesellschaft). Über die Identifikation mit den Eltern bis zur Ausbildung der eigenen Identität lernen wir alles Wichtige, das es zu wissen gilt, aber mehr als das ist die Bildung unserer Identität (in der Form wie wir sie kennen) ausschließlich erst durch die Teilhabe (seit Kindesbeinen an) an der Gesellschaft möglich. Die gesellschaftliche Wirklichkeit und somit auch all ihre bestehenden Normen und Regeln werden vom ersten Moment des Eintretens in diese übernommen und internalisiert. Unser Geist, unsere Art zu denken, unsere Interessen sind alle Produkte der menschlichen Gemeinschaft. "Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses." (ebenda, S. 144) Genauer betrachtet handelt es sich um einen aktiven Vorgang des Handelns (zur 'Theorie des symbolischen Interaktionismus' siehe: Mead, 1973), um aktives Auskundschaften, Kennenlernen, Reagieren, Annehmen, Rebellieren (Sozialisation ist ja nicht nur angenehm, denn sie schränkt ja auch ein, stülpt einer/m Gesetze und somit Pflichten über) und nicht um simples Lernen bzw. Aufnehmen und dementsprechendes Handeln, wie es oft in der Psychologie und der Sozialpsychologie postuliert wird (wie am bekannten Beispiel des Behaviourismus nachvollziehbar).

Berger und Luckmann (op.cit.) nehmen des Weiteren eine nützliche Differenzierung vor zwischen der Sozialisation, die uns als Menschen bildet und jener im kleineren Rahmen, die uns in spezifische Wissensgebiete, sowie Funktions- und Sinnabläufe von Institutionen einweist; es sind dies Respektive die primäre und die sekundäre Sozialisation. Wobei hier zu bemerken ist, daß im Falle der Schulen für Kleinkinder diese beiden Begriffe etwas verschwimmen, da die primäre Ebene der Menschwerdung als gesellschaftliches Wesen mit der zweiten, der Einweisungsebene in Institutionen, simultan oder zumindest ständig abwechselnd, passiert.

In den hier auszubreitenden Überlegungen soll die Aufmerksamkeit auf die Institution Schule und die Interaktion mit ihr seitens SchülerInnen (als dort Hineinwachsende) und Lehrenden (als dieses Wachstum Steuernde und Überwachende) fokussiert werden. Daher ist zu Anfang erst einmal abzuklären, was 'Institution' überhaupt bedeutet. Im Lateinischen steht 'institutio' für 'Einrichtung', 'Unterweisung', was beides schlichtweg genau das ausdrückt, was es für uns auszubreiten gilt.

Mead (op.cit.) sieht den ersten Schritt, der zu einer Institutionalisierung führt, in der Vereinheitlichung von Handlungsmustern gegenüber bestimmten Situationen. Reaktionsmuster und -abfolgen werden im jeweiligen Sinne der sich entwickelnden bzw. entwickelten Institution geeicht. Die ganze Gemeinschaft oder der betroffene —sich als solcher empfindende— Teil davon reagieren in einer geeigneten Situation, das ist eine solche, die das Handeln der Einrichtung entsprechend ihrer Funktion (d.h. Zielsetzung und ihrem Sinngefüge) erfordert, gegenüber dem Einzelnen, der ihr Eingreifen nötig macht oder sich (z.B. zwecks Dienstleistung) an sie wendet, auf vereinheitlichte Weise. Daraus ist erkennbar, daß der Begriff der Institution weiter gefaßt werden muß, als man es umgangssprachlich gewohnt ist: Nämlich als Übereinkunft (dieser Begriff ist aber nicht ganz passend, da er das Einverständnis aller miteinschließt, welches aber sicherlich nicht einfach vorausgesetzt werden kann), in einer bestimmten Weise auf bestimmte Gegebenheiten zu reagieren. "Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden." (Berger und Luckmann, op.cit., S.58) Damit ist gemeint, daß —in vorinstitutionalisierten Zuständen— Menschen in ihren sich wiederholenden Handlungen einer Gewöhnung unterliegen, welche die Handlungen im Großen und Ganzen immer gleich ausschauen läßt und dem handelnden Subjekt aus der Sicht eines Betrachters eine Eigenart (im Umgang mit der entsprechenden Situation) aufdrückt. Der nächste Schritt ist, daß von diesem eingewöhnten Handlungsablauf (der ursprünglich der Zeitersparnis dient) nicht mehr abgewichen wird und zusätzlich nicht mehr abgewichen werden darf. Letzteres ist schon eine Vorstufe zur Institutionalisierung — es fehlt jedoch der Zusatz, daß es sich bei den die institutionalisierte Handlung Tätigenden um typisierte Subjekte handelt, d.h. solche, die in der erforderlichen Situation, abseits ihrer individuellen Unterschiede, in derselben Art und Weise handeln und das allen an sie Herantretenden gegenüber. Es entsteht also eine bestimmte Rolle, die zur Ausführung institutioneller Handlungen maßgeschneidert ist.

Wir sehen Institution in der Folge als menschliches Konstrukt, das das Verhalten aller an einer bestimmten Gesellschaftsordnung Teilhabende in betreffenden Situationen vereinheitlicht und in vorbestimmte(n) Bahnen lenkt (über das menschliche Bedürfnis nach Institutionen siehe Berger & Luckmann, op.cit., S.108 ff).

Das Problem der Entpersonifizierung, das sich durch die die Institutionen tragenden Rollen ergibt, stellt ein individualitätsfeindliches dar, da die Institution auf die einzelnen Menschen nicht spezifisch sondern vereinheitlichend zugeht. "Ein Teil des Selbst hat sich (...) objektiviert als Vollstrecker eben dieser Handlung, während das ganze Selbst sich nun mehr oder weniger von der vollzogenen Handlung zurückziehen kann. So wird es möglich, sich sein Selbst als nur teilhaft mit der Handlung identifiziert vorzustellen (...)". (ebenda, S. 77) Durch Verdinglichung [4] scheinen die Institutionen mit der Natur zu verschmelzen; und die Welt der Institutionen wird Notwendigkeit und Schicksal, Glück oder Unglück.” Dasselbe gilt eben für Rollen: "Die Modellformel für diese Art der Verdinglichung lautet: 'Ich habe in diesem Falle keine Wahl. Ich muß in meiner Stellung so handeln.'" (ebenda, S.97) Das Problem eines Individuums kann innerhalb einer Institution also erst dann (voraussichtlich) gelöst werden, wenn es die Regeln beherrscht und sich nach ihnen verhält und die Möglichkeiten der Institution nicht überschritten werden.

Ein erstes Problem ergibt sich also aus der Tatsache, daß der Mensch seine Realität in oben ausgeführem Sinn verdinglicht und diese somit einen Ausschließlichkeitscharakter bekommt. Diese Ausschließlichkeit bewirkt, daß in dieser Welt nur bestimmte, mit den Vorstellungen konforme, Dinge Platz haben, d.h. sie ist ausschließend. Kinder müssen sich nun dieser Situation anpassen und zwar nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen: Ein Kind hat nicht die Möglichkeit, eine Realitätsvariante abzulehnen und sich statt dessen eine andere auszusuchen. "Da das Kind sich seine signifikanten Anderen [ein von Mead, op.cit, übernommener Begriff [5]] nicht aussuchen kann, ist seine Identifikation mit ihnen quasi-automatisch, und aus demselben Grunde ist seine Identifikation mit ihnen quasi-unvermeidlich. Es internalisiert die Welt seiner signifikanten Anderen nicht als eine unter vielen Welten, sondern als die Welt schlechthin, die einzige vorhandene und faßbare." (Berger & Luckmann, op.cit.) [6]

Ein wesentlicher Faktor, der bei Berger & Luckmann zwar erwähnt (S.101), aber nicht weiter ausgeführt wird, ist die Neugier des Kindes auf die Begründung der menschlichen Realität. Auf die ständigen 'Warum-Fragen' der Kinder wird seitens der Eltern und Erwachsenen irgendwann nur mehr mit "das ist halt so" oder mit Achselzucken geantwortet. Das hinterläßt den Eindruck, als gäbe es darauf gar keine Antworten (wenn schon nicht einmal die Erwachsenen eine wissen) und bildet die Voraussetzung, die soziale Realität als naturgegeben wahrzunehmen. "Die Fragen der Kinder nach der symbolischen Sinnwelt sind schwieriger zu beantworten als ihre Fragen nach den institutionalen Wirklichkeiten des Alltagslebens. Auch die Fragen beunruhigter Erwachsener verlangen noch mehr und differenzierte Denkarbeit." (Berger & Luckmann, op.cit., S.114) Die 'Warum-Fragen' wirken auf die Erwachsenen verunsichernd, da sie nach einer Erklärung für Vorgänge verlangen, die man nicht gewohnt ist zu hinterfragen (das ist auf den Wirklichkeitscharakter der menschlichen Gesellschaft zurückzuführen). Wenn wiederholt keine Antworten kommen, wird das Kind im Laufe der Zeit seine Fragerei einstellen. Als positive Aussicht ist noch anzumerken, daß dieser Impuls wieder zum Leben erweckt werden kann. Zum Zeitpunkt, wo das Kind in die Schule kommt, hat es schon für viele Bereiche gelernt, diese einfach hinzunehmen, auch wenn es den Grund dafür nicht weiß. Als solcher, d.h. hinzunehmender, Bereich kommt nun die Schule hinzu und in dieser selbst wird auch nicht gerade das Hinterfragen gelehrt.

Gleichzeitig mit der Gewöhnung seitens des Kindes, diese bestimmten Fragen nicht mehr zu stellen, kommt es zu dem Effekt, daß damit die Fähigkeit zum 'selbständigen Denken' untergraben, dramatisch ausgedrückt: verstümmelt wird.

Historisches und strukturanalytisches zur Institution Schule

Interessant ist auch, sich die Frage zu stellen, wie es denn überhaupt zur Entstehung der Institution Schule kam. Eine verbreitete aber nur teilweise zutreffende Erklärung findet sich in den Impulsen der Aufklärung: Sie "gilt als die 'bedeutenste europäische Emanzipationsbewegung' [Mieck, 1989], deren Grundgedanken bis heute gelten und gesellschaftsgestaltend wirken. Immanuel Kants Worte werden paradigmatisch als Definition für die neue Sichtweise des Menschen zitiert, wonach Unmündigkeit selbstverschuldet ist, 'wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen'. 'Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung' [Kant, 1964], die [sic] klar mit den Prämissen einer gottgewollten Ordnung bricht. Das selbständige, vernunftgeleitete, seinem Gemeinwesen dienende Individuum wird zum Ideal erhoben, durch Erziehung sollen die Menschen zu eigenem und damit allgemeinem Glück geführt werden. Die philosophischen Diskussionen waren vielschichtig und unterschiedlich, Vernunft und Verstand zu den wichtigsten Werkzeugen erkoren sollten empirisch und rational die Welt erfassen lassen. [7]" (Lauggas, 1997, S.8 ff.) [8]

Ein genauerer Blick auf Österreich: "Maria Theresia [die ja die allgemeine Schulpflicht einführte, s.u.] war (...) eine gebildete Frau. (...) Ihr Hauptziel war in allen Bildungsebenen von Universitäten bis zu Elementarschulen eine Ausweitung der Staatsmacht [Hervorhebung v.Verf.] und staatlich kontrollierte Ausbildung der Untertanen, wie dies besonders deutlich in den Universitätsreformen seinen Niederschlag fand. 'Rationalität, Uniformität, Utilität und Funktionalität waren nicht nur die Leitprinzipien der unter den Auspizien allgemeiner Glückseeligkeit [sic] von seiten des Staates in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Angriff genommenen Reformen in den Bereichen der politischen Verwaltung, der Rechts-, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern galten auch auf dem Gebiet der Bildungspolitik als oberste Maximen.' [Grimm, 1987] Bis zu Maria Theresias Regierungszeit lag das Schulwesen völlig in der Hand der Stände, vor allem der Geistlichkeit. Ihre Bildungspolitik wird beschrieben als Übergang vom 'Ecclesiasticum' zum 'Politicum': Das als Angelegenheit der Kirche betrachtete Schulwesen wurde sukzessive auch für das Staatswesen interessant, 1770 kulminierte diese Entwicklung in der Aussage der Kaiserin, 'das Schulwesen aber ist, und bleibet allzeit ein Politikum' [Engelbrecht, 1984]. 1774 wurde die allgemeine Unterrichtspflicht eingeführt, der Kaiserin aber lag es fern, damit jener aufklärerischen Intention Vorschub zu leisten, wonach das Individuum aus seiner Unmündigkeit herausgeführt werden sollte. (...) 'Die Chancen auf eine unter originär pädagogischen Vorzeichen stehenden grundlegenden Neugestaltung des gesamten Bildungswesens waren durch das Faktum, daß Schule und Unterricht in Österreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in das <Vorfeld der Verwaltung> rückten, auf ein Minimum gesunken, denn die von der <Staatsräson> gerägten bildungspolitischen Zielsetzungen der theresianischen (und in großen Teilen auch josephimischen; Anm. M.L.) Bürokratie, die ... zum <Träger der neuen Staatsanschauung> wurde, unterschied sich stark von den als <liberal> zu qualifizierenden Vorstellungen über Erziehung und Unterricht, wie sie die zeitgenössische Aufklärungspädagogik entwickelt hatte.'[Grimm, 1987]" (Lauggas, 1997, S.13) Da Regierungen damals wie heute von Interessen geleitet wurden und werden [9], verwundert es wenig, wenn jene, die weitreichende Entscheidungen treffen, diese so fällen, daß sie für sie selbst zum Vorteil gereichen. Wie das Päckchen dann präsentiert wird (eben mit Aufklärungsgedanken umhüllt), ist im Grunde eine andere Frage. Dieser Oberfläche sollte man aber nicht verhaftet bleiben, da sie die wahren Handlungsmotive verschleiert. Das mag jetzt vielleicht alles etwas paranoid und verschwörungstheoretisch klingen, doch die verfolgte Absicht ist die, hinter eine/n selbst betreffende Mechanismen zu blicken und die Dinge beim Namen zu nennen. Den Diskurs fortsetzend: Um die Machtverhältnisse vom Prinzip her beibehalten zu können, war es also notwendig, die Aufklärungsgedanken in einer kontrollierbaren Form umzusetzen. “Der Ort, an dem flächendeckende Erziehung gewährleistet werden sollte, wird die Schule. Eines der zentralen Fächer stellt von Anfang an die sogenannte 'Leibeserzeihung' dar, die Körper- und Selbstbeherrschung, die nichts mehr dem Zufall überläßt und die eigene Diszipliniertheit und Gehorsamkeit zum verinnerlichten Bedürfnis [Hervorhebung v.Verf.] macht. Die Wahrnehmung von Kindern bewirkt die Entwicklung der Pädagogik und ist unmittelbar gekoppelt an den Ursprung moderner Verschulung, die wiederum eine sukzessive Verlängerung der Kindheit einleitet. Glantschnig [1987] faßt treffend zusammen: ‘Der Mensch wird unter dem Aspekt der Effektivierung seiner Arbeitskraft gesehen, der Disziplinierung seines Körpers und der Normalisierung seines Verhaltens. Die Pädagogik hat wesentlichen Anteil an der Entwicklung dieser wissenschaftlichen Maschinerie, die den Körper des Einzelnen durchdringt, zergliedert und in Hinblick auf einen allgemeinen Zweck wieder zusammensetzt.’” (ebenda, S.121)

Die Schulpflicht der Kinder erfüllt in unserem kapitalistischen Gesellschaftssystem zwei Grundfunktionen: Erstens dient sie der Heranbildung produktiver WirtschaftsteilnehmerInnen und gesellschaftstreuer Mitmenschen und zum zweiten gewährleistet sie die Bereitstellung der Arbeitskraft der Eltern bzw. der Mutter für die Zeit, die das Kind (die Kinder) in der Schule verbringt. Daß die Schule nicht primär dem Wohle der Kinder dient und nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet ist, zeigt sich schon an der Struktur dieser Einrichtung. Ottomeyer (1977) geht sogar soweit, daß er Schulen als ‘totale Institutionen’ bezeichnet, in der es “eine bürokratische Verwaltung” gibt, “hierarchische soziale Ränge und ein (...) Regelsystem für das zwischenmenschliche Verhalten.” Die Kinder “sind mehr oder weniger unfreiwillig hier und unterstehen der Weisungsbefugnis und Sanktionsgewalt des ‘Stabs’. (...) Den Insassen werden viele Möglichkeiten zum Ausdruck ihrer persönlichen Identität weggenommen” und sie unterliegen “noch in den intimsten Verrichtungen (man denke an das schulische ‘Austreten’) der Kontrolle durch den Stab”. (ebenda, S.212) “Der Eintritt in die Schule ist für das Kind ein folgenschweres und ziemlich bitteres Ereignis. Deshalb versucht man es ihm auch durch das bekannte Zuckertüten-Ritual [in der BRD] zu versüßen. Die in der Schule herrschenden Anforderungen an das kindliche Verhalten bedeuten einen scharfen Bruch mit dem vertrauten sozialen Milieu der bisher fast ausschließlich bestimmenden Familien- und Freundschaftsbeziehungen, in denen sich die ersten Ansätze eines kindlichen Selbstgefühls und Selbstbewußtseins herausgebildet hatten.” (ebenda, S.220) Horn (o.J.) meint dazu, daß “wenn das Moment der Sachbildung gegenüber der Affekt- und Sozialbildung gesellschaftlich in den Vordergrund tritt, dann verunsichert das Eltern wie Kinder und es ergeben sich gleichsam Sozialisationsdefizite, die sich als mitmenschliche Indifferenz, Aggressivität, offene Destruktivität und Angst äußern. So taucht das Problem sozialer Desintegration (...) auf.” (S.362) “Derselbe Bruch betrifft auch die Art und Weise der kindlichen Gegenstandsaneignung und des Erkundungsverhaltens. Während dies bisher eng mit spontanen körperlichen Bewegungsabläufen, Herumtoben, Klettern, Wandern und mehr oder weniger spielerischen Handhabung der Lerngegenstände verbunden war, findet Lernen nun abgelöst vom direkten Kontakt mit den Gegenständen statt, daß der Körper samt seinem Betätigungsdrang erst einmal auf einem Stuhl stillgestellt werden muß. Der Schüler [und die Schülerin] muß seine persönliche Lebens- und Herkunftsgeschichte weitgehend vor der Schulpforte lassen, und er lernt, in zwei verschiedenen zwischenmenschlichen Welten zu leben. Die Anforderungen der Schule sind unpersönlich, leistungsbezogen und unerbittlich - wer nicht mitkommt, dem droht die soziale Ausstoßung in die Sonderschule und der Status des Asozialen; hierin ist die Schule durchaus schon eine Vorbereitung auf die Härte des kapitalistischen Erwerbslebens.” (Ottomeyer, op.cit., S.220)

Franz (1978) stellt die provokante Frage, ob die immer stärker um sich greifende Produktorientiertheit und funktionalistische Ausrichtung, nicht “den Schüler mehr zum Objekt der Institution als zum Subjekt in der Institution Schule machen.” (in Horn, o.J., S.373)

Das Interesse am Schulstoff wird durch die Zerstückeltheit und zeitliche wie lebenspraktische Entfernung der Lehrinhalte zusätzlich behindert. “Das Fehlen eines wirklichen Sachbezugs für die gemeinsame Lerntätigkeit hat zur Folge, daß die schulischen Lerngegenstände nur noch in symbolisch-abziehbildartiger Form gegenübertreten. (...) Aber auch diese symbolisch vorgestellten gemeinsamen Lehrgegenstände werden durch das von staatlichen Lehrplänen kontrollierte Prinzip des Fachunterrichtes noch einmal aufgesplittert und damit entwirklicht [s. Beck, 1974]. So taucht etwa ein eigentlich so interessantes Thema wie das Leben der Menschen in der englischen Gesellschaft einmal (...) im englischen Sprachunterricht auf, dann noch einmal im Geschichtsunterricht, im Georaphie-Unterricht, wo die Beziehungen der Menschen zur Natur und ihre Siedlungsformen ganz abgelöst von der Geschichte und vom Sozialleben behandelt werden, und vielleicht noch einmal im Sozialkundeunterricht. Wenn die Schüler in diesen Fächern auch noch von verschiedenen Lehrern unterrichtet werden, was anzunehmen ist, so wird es ihnen wahrscheinlich endgültig unmöglich gemacht, einen sinnvollen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilaspekten herzustellen.” (Ottomeyer, op.cit., S.224) Hier ist hinzuzufügen, daß die verschiedenen Epochen in den diversen Fächern oft gar nicht simultan behandelt werden.

“Es liegt auf der Hand, daß eine Schule, die tatendurstige Kinder an Schreibtische zwingt und sie Dinge lernen läßt, die meistens nutzlos sind, eine schlechte Schule ist. Nur jene unschöpferischen Mitbürger, deren Kinder fügsam und unschöpferisch bleiben sollen, damit sie in eine Gesellschaft passen, deren Erfogsmaßstab Geld heißt, können eine solche Schule für richtig halten.” (Neill, 1969, S.22)

Summa summarum kristallisiert sich das Bild einer Institution heraus, die den Bedürfnissen der in sie eingebundenen, mehr noch: der sie legitimierenden Individuen nicht oder nur in geringem Ausmaß entspricht. Die Folgen, die sich daraus ergeben, werden bei einem Vergleich mit Summerhill-SchülerInnen traurig erkennbar.

Summerhills oberstes Prinzip: Freiheit

Wie schon weiter oben erwähnt, gründete Neill sein Schule 1921. Voeher hatte er schon einige Jahre in herkömmlichen Schulen unterrichtet, anfangs sogar mit traditionellen Methoden (Prügelstrafe etc.). Nach einem Schlüsselerlebnis wandte er sich von dieser Art des Umgangs mit Kindern ab und begann, sich mit Psychologie und psychoanalyischen Theorien zu beschäftigen. “Nach meiner [Neill’s] Ansicht sind Kinder von Natur aus verständig und realistisch. Sich selbst überlassen und unbeeinflußt von Erwachsenen, entwickelt es sich entsprechend seinen Möglichkeiten.” (ebenda, S.22) In diesem kurzen Satz steckt schon einiges, das genauerer Betrachtung lohnt: Der Autor spricht dem Kind Verständigkeit zu, d.h. er sieht in ihm ein kleines Individuum mit dem man seinen Möglichkeiten entsprechend auf einer egalitären Basis kommunizieren und umgehen kann. Das Kind ist auf die Unterstützung der Erwachsenen angewiesen, da es sich in der Welt noch nicht auskennt. Das verleiht den schon Eingeweihten Macht über es. Sie lassen es meist nicht allein entdecken und sich entwicken, sondern wollen es nach eigenen Vorstellungen lenken. Wie viele Erwachsene halten es z.B. aus, einem Kind bei einer Aufgabe oder einem Spiel zuzusehen, das es nicht lösen kann oder mit dem es ‘falsch’ umgeht? Nach Neill’s Erfahrung raubt man durch Hillfestellungen und Aufzeigen von Lösungen einem Kind die Freude am Entdecken. Man macht nicht dem Kind einen Gefallen, indem man ihm bei der Lösung einer schwierigen Aufgabe zur Hand geht, sondern man befriedigt seine eigene Ungeduld und das eigene Ego, indem man es genießt, wenn es dann das Kind so macht, wie man es ihm gezeigt hat — man hat Gelegenheit auf ‘väterliche’ Art dem Kind zu ‘helfen’ und sich durch diese Geste überlegen und somit gut zu fühlen.

Etwas erstaunliches ist in Summerhill das (grundlegende) Recht auf Selbstbestimmung. Es “gilt gleiches Recht für alle. Niemand darf sich auf den Konzertflügel stellen, und ich kann auch nicht einfach das Fahrrad eines Jungen benutzen, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. In einer Schulversammlung hat die Stimme eines sechsjährigen Kindes genausoviel Gewicht wie meine [Neill’s]. Die Neunmalklugen werden jetzt sagen, in der Praxis zählten ja doch nur die Stimmen der Erwachsenen. ‘Ehe das sechsjährige Kind die Hand hebt, wartet es doch bestimmt erst einmal ab, wie Sie stimmen.’ Ich wollte, es wäre so; denn zu viele von meinen Vorschlägen werden abgelehnt. Freie Kinder lassen sich nicht so leicht beeinflussen. Sie haben eben keine Angst.” (ebenda, S.27) Sie haben keine Angst vor Schlägen und Bestrafungen und wenn sie etwas ausgefressen haben und dabei erwischt werden, akzeptieren sie die in der Schulversammlung getroffene Strafe bereitwillig [10]. (ebenda, S.60 ff.)

Es “ist die Tatsache entscheidend, daß der Einzelne nicht nur Rollen und Einstellungen Anderer, sondern in ein und demselben Vorgang auch ihre Welt übernimmt.” (Berger & Luckmann, op.cit., S.142) Auf diese ‘Welt’ kommt es nun an: Jene, in die die Summerhill-Kinder hineinwuchsen stellt sich fundamental anders dar als die, die ‘normale’ SchülerInnen präsentiert bekommen. “Die eindeutige Folge” der “minder begünstigten Situation des Kindes ist die, daß ihm, obgleich es nicht ganz unbeteiligt und passiv während seiner Sozialisation ist, die Erwachsenen die Spielregeln aufstellen. Es kann gern oder ungern mitspielen, ein anders Spiel ist jedenfalls nicht zu haben.” (ebenda, S.145) Der Unterschied der Welten liegt in dem Wort ‘gern’. Der Summerhill-Kindern macht das Lernen Freude, sie sind schöpferisch (und nicht zerstörerisch), offen und freundlich. Sie werden als gleichwertige Gemeinschaftsmitglieder respektiert und niemand zwingt ihnen seinen Willen auf. Sie können über die zu befolgenden Regeln autonom und demokratisch abstimmen und niemand zwingt sie dazu, den Unterricht zu besuchen. Neill vertritt in diesm Aspekt die radikal anmutende Meinung, daß das Kind nur das lernen sollte, was es auch interessiert, denn nur das ergebe einen Sinn — der Rest würde vergessen (womit er ja nicht so unrecht hat, denn wieviel der Unmenge an in der Schule aufgenommener Information können wir heute noch abrufen?) “Die Kinder können zum Unterricht gehen, sie dürfen aber auch wegbleiben — sogar jahrelang, wenn sie wollen. Es gibt einen Stundenplan — aber nur für die Lehrer. (…) Schüler, die im Kindergartenalter nach Summerhill kommen, nehmen von Anfang an am Unterricht teil, Kinder, die von einer anderen Schule zu uns kommen, schwören sich jedoch oft, nie wieder in ein Klassenzimmer zu gehen. [Hervorhebung v.Verf.] Sie spielen, fahren mit dem Fahrrad, stören andere bei der Arbeit, aber sie hüten sich vor der Schulbank. In einigen Fällen dauert das Monate. Die Zeit der ‘Genesung’ entspricht der Stärke des Hasses, den ihnen die vorige Schule eingegeben hat. Den Rekord hält ein Mädchen, das aus einer Klosterschule kam und bei uns drei volle Jahre nur gefaulenzt hat. Im Durchschnitt dauert es drei Monate, bis ein Kind wieder bereit ist, am Unterricht teilzunehmen.” (Neill, op.cit., S.23) Bei Berger & Luckmann geht es nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit herrschenden Gesellschaftsstrukturen, sondern nur um eine möglichst umfassende Analyse der Sozialisationsprozesse, daher schreiben sie z.B. auch, daß “als Sprache und mittels Sprache (…) beliebige institutionell festgesetzte Begündungs- [sic] und Auslegungszusammenhänge internalisiert” werden “— so benimmt man sich etwa wie ein tapferer kleiner Junge und glaubt, daß kleine Jungen von Natur aus nach tapfer und feige zu scheiden sind [Hervorhebung v.Verf.]. Derartige Schemata versorgen das Kind für das Alltagsleben mit institutionalisierten Programmen, deren einige unmittelbar verwendbar sind, während andere ein Benehmen, das die Gesellschaft späteren Lebensphasen vorbehält, antizipieren (…).” (Berger & Luckmann, op.cit., S.145 ff.) Was diese Doktrinen den einzelnen Individuen an Streß- und Angstverarbeitung, Verdrängung, Fähigkeit zu Bedürfnisaufschub und Frustrationstoleranz abverlangen, interessiert in diesem Rahmen nicht. Gerade aber von psychologischer Seite sind das interessante ergänzende Fragen.

Die primäre Sozialisation in Summerhill zeichnet sich im Wesentlichen durch drei Punkte aus: Erstens ist das Hineinwachsen in die Gesellschaft vom Kind gesteuert und nicht von den Erwachsenen, d.h. daß dem Kind keine Regeln gestellt werden, die es befolgen muß (abgesehen von Regeln die das Gemeinschaftsleben betreffen, da diese für ein gutes Zusammenleben natürlich befolgt werden müssen; aber hier sind gesellschaftliche Regeln gemeint, die bestimmen, wie man sich zu verhalten hat und wie nicht). Die Kinder müssen sich nicht vor dem Essen die Hände waschen und sie dürfen überhaupt schmutzig sein (solange sie nicht durch unangenehmen Geruch die anderen stören), sie dürfen fluchen und ihre sexuellen Regungen (Masturbieren u.ä. [11]; siehe dazu Neill, op.cit., S.197 ff.) werden nicht unterbunden oder mit Strafen verfolgt (wobei Neill immer sehr darauf bedacht war, es nie zu einer Schwangerschaft kommen zu lassen —was ihm auch gelungen ist— aber trotzdem keine Überwachung stattfand, sondern mit den —in diesem Fall— Jugendlichen sachlich argumentiert wurde, daß wenn eines der Mädchen schwanger würde, die Schule wahrscheinlich schließen könne; ebenda, S.71 ff.). Es gab und gibt [12] in Summerhill keine Moral, sondern nur Respekt vor den (flexiblen und selbstbestimmten bzw. -bestimmbaren) Gemeinschaftsregeln und den einzelnen Mitgliedern. Neill meint, daß die meisten Eltern Angst hätten, ihr Kind würde ohne Moral verrohen und zu einem schlechten und primitiven Menschen werden. Sie “akzeptieren eben, zumindest passiv, daß der Mensch sündig von Geburt und schlecht von Natur sei und daß er raubgierig, grausam und mordlüstern werde, wenn man ihn nicht zum Gutsein erziehe.” (ebenda, S.232) Ein Aspekt, der von biologistischen Wissenschaften und ihren VertreterInnen (Lorenz, 1966; Ardrey, 1966; Wilson, 1975, 1998; Hamer & Copeland, 1998, Eibl-Eibesfeld, 1998 u.v.m.) untermauert wird (die aber sozialisatorische Theorien wie eben gerade den symbolischen Interaktionismus konsequent ignorieren — was nicht gerade eine wissenschaftliche Vorgangsweise darstellt).

Neill berichtet z.B. von einer bei seinen Vorträgen in ähnlicher Form immer wieder auftauchenden Frage: “Was würden Sie tun, wenn ein Junge anfinge, Nägel in einen Konzertflügel zu schlagen? Ich [Neill] bin inzwischen ein solcher Experte geworden, daß ich oft schon vorher weiß, wer die Frage stellen wird. Meist ist es eine Frau, die in der ersten Reihe sitzt und von Zeit zu Zeit mißbilligend den Kopf schüttelt. Die beste Antwort auf diese Frage: Es ist ganz egal, was Sie mit dem Kind machen, solange ihre Einstellung zum Kind richtig ist. Es macht nichts, wenn Sie es vom Flügel wegziehn, solange Sie ihm keine Schuldgefühle beibringen. Solange Sie nur auf Ihren persönlichen Rechten bestehen, ohne das durch moralische Urteile zu einer Frage von Gut und Böse zu machen, solange richten Sie auch keinen Schaden an.”(ebenda, S.149)

Das Problem, das das Unwissen der Kinder um gesellschaftliche Normen und Zusammenhänge mit sich bringt, ist, daß die Kinder diese Welt natürlich verstehen wollen und daher natürlich auch Fragen stellen, die die symbolische Sinnwelt an sich betreffen. Fragen, deren Existenz die Erwachsenen schon vergessen haben und auf die sie selbst als Kinder nie eine Antwort erhielten. Diese Fragen stellen jedoch die Selbstverständlichkeit der (gesellschaftlichen) Wirklichkeit in Frage und stellen somit —unbeabsichtigt— ein subversives Elemant dar, das abgewehrt und unterdrückt werden muß, da es die Berechtigung der Realität in Frage stellt (siehe S.7, ebenda; bei Berger & Luckmann, op.cit., S.108 ff.). Es wird also nicht nach einer Erklärung gesucht, sondern dem Kind vermittelt, daß es nicht so ‘dumme’ Fragen stellen soll. So wird gelernt, gesellschaftliche Verhältnisse nicht zu hinterfragen, sondern sie als naturgegeben und unveränderbar oder zumindest von einem/r selbst nicht beeinflußbar hinzunehmen. “Die neue Generation erlernt die Legitimation im gleichen Prozeß, durch den sie in die institutionale Ordnung eingeführt und auf sie abgestimmt wird [Hervorhebung v.Verf.].” (Berger & Luckmann, op.cit., S.66)

Damit kommen wir schon zum zweiten Punkt: Die Kinder können in Summerhill ohne Tabus alle Fragen stellen, die sie möchten, sei es innerhalb der gesellschaftlichen Grenzen (z.B. über Sexualität), wie eben auch andere, darüber hinausschreitende, da man sich um sie bemüht und ihnen Zeit einräumt. Fragen, die die symbolische Sinnwelt betreffen, sind zwar schwieriger zu beantworten als andere, aber es ist nicht unmöglich. In dem Moment, da Dogmatismen wegfallen, ist ein flexiblerer Umgang mit Vorschriften möglich.

Das stellt schon den Dritten Punkt dar: Offenheit und Flexibilität in den Gesellschaftsregeln, da diese sich nicht aus einer Moral herausbilden, sondern von den aktuellen Bedürfnissen der Schulgemeinschaft bestimmt werden. Die Regeln richten sich nach den Bedürfnissen der Beteiligten und nicht die Beteiligten nach Regeln, die nicht ihnen dienen, sondern der Aufrechterhaltung eines abstrakten Moralsystems. “Der ursprüngliche Sinn der Institution ist ihrer eigenen Erinnerung unzugänglich” (ebenda, S.66) und darin liegt das einschränkende Element: Der Sinn wird nicht gesucht, sondern vorausgesetzt und die Institution somit erhalten. Sie passt sich nicht mehr den Menschen an, sondern diese sich ihr. Genau das passiert in Summerhill nicht. Dazu zwei Beispiele: “Als ich [Neill] in Deutschland unterrichtete, wurde ein dreizehnjähriges (…) Mädchen namens Maroslawa zu mir geschickt. Maroslawa haßte ihren Vater leidenschaftlich. Ein halbes Jahr lang machte sie mir das Leben an der Schule zur Hölle. In den Schulversammlungen griff sie mich häufig an. Bei einer Gelegenheit brachte sie den Antrag ein, mich wegen Unfähigkeit zu entlassen. Sie hatte Erfolg. Nach drei freien Tagen fing ich gerade an, Freude an einem Buch zu finden, das ich schrieb, als leider beschlossen wurde, mich zurückzuholen (mit einer Gegenstimme natürlich). (Neill, op.cit., S.287) In einer Schulversammlung war durch den Einfluß einer neuen Schülerin namens Ansi die Anarchie augerufen worden. “Unter ihrer Führung marschierten die Schüler aus dem Raum. Sie hatte keine Schwierigkeiten, die anderen mitzureißen, weil die Kinder alle noch verhältnismäßig klein waren und noch kein soziales Bewußtsein entwickelt hatten. Ansi führte sie in die Werkstatt, wo sie sich mit Sägen bewaffneten, um, wie sie erklärten, alle Obstbäume zu fällen. Ich ging wie üblich in den Garten, um zu graben. Zehn Minuten später kam Ansi zu mir [Neill] und fragte sehr sanft: ‘Was müssen wir machen, um die Anarchie aufzuheben und wieser Gesetze einzuführen?’

‘Ich kann dir keine Ratschläge geben’, sagte ich.

‘Können wir nicht eine neue Schulversammlung einberufen?’ fragte sie.

‘Natürlich könnt ihr das , aber ich werde mich da nicht sehen lassen. Wir haben uns ja für die Anarchie entschieden.’ Sie ging, und ich setzte meine Gartenarbeit fort. Kurz darauf kam sie wieder. ‘Die Kinder haben beschlossen, eine regelrechte Schulversammlung einzuberufen. Kommen Sie auch?’

‘Eine regelrechte Schulversammlung?’ fragte ich. ‘Ja, ich komme.’

In der Schulversammlung war Ansi dann sehr ernsthaft, und wir konnten in Frieden unsere Gesetze verabschieden. Gesamtschaden während der Zeit, in der Anarchie herrschte: ein zersägter Garderobenständer.” (ebenda, S.285 ff.)

Ich denke, dadurch wird deutlich, daß in Summerhill mit den Regeln des Zusammenblebens experimentiert werden kann und sie nicht blind übernommen werden müssen. Man kann sie einsehen, sie werden einem/r nicht aufoktroyiert. Es handelt sich um eine offene und flexible Sozialisation.

Abschließende Bemerkungen

Die Position, die ich mit diesen meinen Ausführungen beziehen möchte, ist jene für ein ‘Prinzip der Möglichkeiten’. Das Problem der Objektivität in den Wissenschaften wurde ja eingangs schon angerissen und aus diesem folgernd ergibt sich auch die politische Dimension der Wissenschaft, da sie ja als gesellschaftliches Legitimationsinstrument gesellschaftliche Wirklichkeit bestimmt. Wenn aber Regeln strikt gezogen werden, ist es unumgänglich, daß Leute, eigentlich Mitglieder der Gemeinschaft, aus dieser ausgeschlossen werden, man denke nur an die Ausgrenzung homosexueller Frauen und Männer. Wenn die Wissenschaft ihrer Subjektivität eingedenk ist, gelten ihre Erkenntnisse nur im Rahmen des gesellschaftlichen Regelsystems, in dem sie und ihre VertreterInnen sich befinden (das gilt hauptsächlich für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Richtungen, aber auch für naturwissenschaftliche wie z.B. die Biologie, da diese ihre Erkenntnisse ja als für die soziale Welt geltend darstellt und z.B. weniger für die Chemie), d.h. ihre Ergebnisse werden zu einer Möglichkeit als Gegenpol zur Gewißheit. Das wäre eine Chance für eine freundlichere, offenere, vielfältigere und weniger aggressive Haltung, die den Weg weisen könnte zu einer Gesellschaft der Toleranz.

Literatur- und Quellenangabe

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Berger, P. & Luckmann, T. (1980). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt: Fischer.

Horn, K. (1972). Über den Zusammenhang zwischen Angst und politischer Apathie. In Marcuse et al., Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Lauggas, M. (1997). Mädchenbildung bildet “Mädchen”. Noch unveröff Dipl.Arbeit (Veröffentlichung voraussichtlich 1999/2000), Universität, Wien.

Mattes, P. (1998). Möglichkeiten postmoderner Psychologie. Psychologie & Gesellschaftskritik, 2/3, 27-42.

Mead, G.H. (1973). Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp.

Müller, B. (1998). Queer handeln! Performanz und Veränderung. Psychologie & Gesellschaftskritik, 2/3, 43-62.

Neill, A.S. (1969). Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Hamburg: Rohwolt.

Ders. (1971). Das Prinzip Summerhill: Fragen und Antworten. Hamburg: Rohwolt.

o.N. (1998). Sie sind ein Utopist. Der CDU/CSU-fraktionsvize Heiner Geißler und der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld über die multikulturelle Gesellschaft, die Integration von Ausländern und die Einwanderungspolitik. Der Spiegel, 14, 48-53.

Ottomeyer, K. (1977). Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Hamburg: Rohwolt.

Theweleit, K. (1977). Männerphantasien. Basel: Stroemfeld/Roter Stern.

Zimbardo, P.G. (1992). Psychologie. Berlin: Springer.

Zuber, H. (1998). Die Freiheit ist das Beste. Der Spiegel, 47, 128-129.

 

 

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